Ein Kommentar von Andrej Priboschek, Leiter der Agentur für Bildungsjournalismus – aktuell auf didacta-digital.de

Der Digitalpakt ist, wissenschaftlich ausgedrückt, eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für einen zukunftsgewandten digitalen Unterricht. Ohne IT, klar, läuft nichts. Der Technikeinsatz allein verbessert aber auch noch nichts.

Wer unter Digitalisierung versteht, die alten Schulbücher im PDF-Format auf den Bildschirm zu werfen – und ansonsten das Lehren und Lernen so belässt, wie wir es seit Jahrzehnten kennen –, der hat den grundlegenden Kulturwandel nicht verstanden, der mit der Digitalisierung einhergeht und der die Schulen längst erfasst hat, ob sie es wollen oder nicht.

Hier geht es zum vollständigen Kommentar.

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Auf der didacta in Köln werden wieder mehr als 100.000 Besucherinnen und Besucher erwartet. Foto: Koelnmesse

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Von Andrej Priboschek

Immer noch herrscht die Vorstellung vom Schulsystem als Maschine vor, in die man möglichst viel hineinstopfen muss, um viel herauszubekommen. Das funktioniert aber nicht. Schon gar nicht bei der Digitalen Bildung.

Der Gründer und Leiter der Agentur für Bildungsjournalismus, Andrej Priboschek. Foto: Tina Umlauf

 

Unsere Kinder und Jugendlichen kommen in der Schule kaum mit Digitaler Bildung in Kontakt – ein unbestreitbar dramatischer Befund für ein Land, dessen wichtigste Ressource die Innovationsfähigkeit seiner Wirtschaft ist. Die Sorge um die Qualifikation des Berufsnachwuchses, die die Gesellschaft PR-Agenturen  (GPRA) umtreibt, ist also verständlich. Ihr Impulspapier baut auf ein „Curriculum für Digitale Bildung“. Es listet auf, an welchen Inhalten es in den Schulen hapert: Danach fehlt es an Anwendungs-Know-how, wozu Kenntnisse zum Datenschutz gehören. Technisches Grundverständnis müsse im Unterricht vermittelt werden – ebenso wie Medienkompetenz, die notwendig ist, um Fake-News von Fakten zu unterscheiden. Auch Programmieren und das Lösen technischer Probleme sollen die Kinder und Jugendlichen in der Schule lernen.

Das alles sind wünschenswerte Kompetenzen, keine Frage. Trotzdem führt ein solches Curriculum bildungspolitisch auf den Holzweg.  Und zwar gleich aus mehreren Gründen. Fangen wir mal bei den Lehrern an: Es vergeht kaum ein Tag, in dem nicht irgendwer von ihnen zusätzliches Engagement für ein wichtiges gesellschaftliches Thema fordert.

Ob Bildungsungerechtigkeit und, damit verbunden, sozialer Ausgleich, Integration von Flüchtlingskindern, Inklusion,  mangelndes Demokratiebewusstsein, sexueller Missbrauch, Islamismus-Prävention, Ernährungsmängel, Bewegungsdefizite, Jungenförderung, Mädchenförderung, Unkenntnis von Schülern in ökonomischen Fragen, falsches Zähneputzen – jedes gesellschaftliche Problem in Deutschland sollen die Schulen lösen. Und zwar plötzlich und nebenbei, also ohne dass den Lehrern mitgeteilt würde, woher zusätzliche Mittel für die zusätzlichen Aufgaben kommen. Kein Wunder, dass die Digitale Bildung bei den Pädagogen, deren Berufsalltag keineswegs durch Beschaulichkeit  besticht,  weit hinten rangiert: Es wird von vielen als weitere Zumutung wahrgenommen. Ohne das Engagement der Lehrkräfte kann es aber keine echte Digitalisierung der Schulen geben.

Auch der Tag von Schülern hat nur 24 Stunden. Wer Kinder hat (ich habe drei), der weiß, dass heute schon Drittklässler mit Unterricht, Hausaufgaben und Übungszeiten locker auf eine 40-Stunden-Woche kommen. Um von Kindern und Jugendlichen am Gymnasium gar nicht erst zu reden.

Das bedeutet konkret: Wer ernsthaft möchte, dass sich die Schule neuen Inhalten widmet, der muss auch sagen, was dafür an Stoff entfallen soll. Wie schwierig es aber ist, von tradierten Bildungsvorstellungen zu lassen, zeigt die hysterische  Debatte in Deutschland um die Rechtschreibung. Oder wie verbissen hierzulande am Hauptfach Latein festgehalten wird – wer hat den Mut, dessen Abschaffung zugunsten eines Fachs Programmieren zu fordern? Die GPRA leider nicht.

Immer noch herrscht die Vorstellung vom Schulsystem als einer Art Maschine vor, in die man möglichst viel hineinstopfen muss, um viel herauszubekommen. Das funktioniert aber nicht. Womit wir beim wichtigsten Einwand wären, den ich gegen das geforderte Curriculum vorzubringen habe: sein zugrundeliegendes Bildungsverständnis.

Ich war neulich auf dem Deutschen IT-Leiter-Kongress in Düsseldorf und habe dort einen Vortrag des New-Economy-Experten Tom Oliver gehört. Der Wirtschaftswissenschaftler, der Muschelkette und goldene Turnschuhe zum Anzug kombiniert, hat nach eigenen Angaben bereits Konzerne wie Google und SAP sowie Institutionen wie die Weltbank, das EU-Parlament und die Vereinten Nationen beraten. Was ihm im Silicon Valley aufgefallen ist, verriet er den versammelten IT-Experten: Flache Hierarchien – jeder Chef sei von jedem Mitarbeiter ansprechbar. Teamwork rund um die Uhr – niemand sei als Einzelkämpfer unterwegs. Eine ausgeprägte Fehlertoleranz – Scheitern werde als notwendiger Teil letztlich erfolgreicher Prozesse angesehen. Und: Kreativität als Erfolgsmotor – für spielerische Herangehensweisen würden Freiräume geschaffen.

Das ist so ziemlich genau das Gegenteil davon, wie staatliche Schulen in Deutschland unterrichten. Um nur mal einen Punkt zu beleuchten: In der digitalen Welt geht reines Reproduzieren auf Maschinen über – was bleibt, das ist die eigenständige Idee. Das muss jungen Menschen aber vermittelt werden. Schwierig in einem Schulbetrieb, der aufs Reproduzieren von Wissen setzt. Um Kreativität zu fördern, wäre mehr Freiheit nötig. Kinder und Jugendliche brauchen Zeit, um Theater zu spielen, zu musizieren,  zu diskutieren, sich künstlerisch zu betätigen, Probleme eigenständig angehen und Lösungen kreativ finden zu können. Digitale Kompetenzen? Die erwachsen dann nebenbei, denn es sind ja vor allem digitale Medien, die schier unendliche kreative Möglichkeiten bieten.

Eine Branche wie die PR, die von Kommunikation und guten Ideen lebt, braucht einen sprachlich gewandten und kreativen Berufsnachwuchs. Den bekommen wir aber nur, wenn wir die Lehrer endlich von dem Übermaß an starren Inhalten befreien, wenn wir die Schulen gut ausstatten und sie dann einfach mal in Ruhe arbeiten lassen  – und ihnen nicht noch weitere Vorgaben in Form von zusätzlichen Curricula aufdrücken.

Der Beitrag erschien zunächst im PR-Journal – und zwar hier.

 

Von Andrej Priboschek

Keine Frage: Die Inklusion in der Schule ist ein Reizthema. In die – berechtigten – Debatten um unzureichende Bedingungen oder die konkrete Ausgestaltung mischen sich in jüngster Zeit allerdings immer öfter Forderungen, die Inklusion (wie G8) komplett zurückzudrehen. Mal abgesehen davon, dass sich Deutschland zur Inklusion international verpflichtet hat (anders als zu G8): Der gemeinsame Unterricht ist eine großartige Errungenschaft. Daran sei anlässlich des Tags der Menschen mit Behinderungen am 3. Dezember erinnert.

Die Inklusion bringt behinderte und nicht-behinderte Kinder zusammen. Foto: Shutterstock

Dass eine Schulleiterin ihre oberste Dienstherrin – in diesem Fall: die Bremer Bildungssenatorin Claudia Bogedan, SPD – verklagt, war bundesweit ein Novum. Der Gegenstand des Streits in dieser Form auch: Die Direktorin zog vor Gericht, weil sie von der Bildungsverwaltung angewiesen wurde, Kinder mit Förderstatus aufzunehmen. Das Gymnasium wollte also richterlich klären lassen, ob es zur Inklusion verpflichtet ist – einem Staatsziel, zu dem sich die Bundesrepublik Deutschland seit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention 2009 bekennt. Zu einem echten Grundsatzurteil kam es nicht. Das Verwaltungsgericht Bremen wies die Klage vordergründig aus dem formalen Grund zurück, dass eine Beamtin in dieser Causa schlicht nicht klagebefugt sei. Gleichwohl machten die Richter unmissverständlich klar, welchen Stellenwert die Inklusion in Deutschland rechtlich hat.

Die Einführung der inklusiven Beschulung an allen Schulen entspreche einem klaren gesetzgeberischen Auftrag, so führten die Richter aus. Und den habe auch das Bremer Gymnasium zu erfüllen. Entgegen der Ansicht der Klägerin werde durch die Beschulung von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf weder eine „Schule für alle“ geschaffen, noch der gymnasiale Bildungsgang in seiner grundlegenden Konzeption verändert. Schlechtere Bildungschancen der Regelschüler seien durch die Inklusion nicht zu befürchten. Die Inklusionsschüler könnten durchaus „auf einem ihren jeweiligen Möglichkeiten entsprechenden Anforderungsniveau unterrichtet und gefördert“ werden. Fazit des Gerichts: „Schließlich erscheint es nicht fernliegend, sich den Herausforderungen der zieldifferenten inklusiven Beschulung (…) auch an Gymnasien zu stellen.“

Die Antwort der Richter ist eindeutig

Das Urteil vom 9. Juli sorgte unter vielen Lehrern für Empörung, waren die Richter doch scheinbar recht salopp über die unzureichenden Bedingungen hinweggegangen, unter denen schulische Inklusion in der Praxis allzu oft stattfindet. Bei dem Ärger über die richterliche Ansage wurde allerdings übersehen, dass es sich dabei um eine rein juristische Argumentation handelt – und nicht um die zweifellos zentrale praktische Frage, welche Ressourcen nötig sind, um die Inklusion erfolgreich gestalten zu können (und ob es diese vor Ort gibt). Aber die hatte die Schulleiterin ja auch nicht vorgebracht. Ihr ging es um das Prinzip, ob auch das Gymnasium zur Inklusion verpflichtet werden kann. Die Antwort der Richter ist eindeutig: Ja.

Der beispiellose Streit vor Gericht und die Reaktionen darauf machen anschaulich, dass es beim gemeinsamen Unterricht von behinderten und nicht-behinderten Kindern und Jugendlichen in Deutschland an weitaus mehr hapert als an einer ausreichenden Zahl von Lehrerstellen. Es fehlt an Verständnis. Allzu vielen Menschen hierzulande ist nicht klar, welche Bedeutung die Inklusion für die Schulen, für unsere gesamte Gesellschaft hat.

Das beginnt mit einer verklärenden Sicht auf die Vergangenheit: Das frühere Förderschulsystem mit gesonderten Gebäuden und überdurchschnittlich viel Personal sei doch gut gewesen, so ist immer wieder zu hören. Nein, das war es nicht! Hundertausende von Kindern und Jugendlichen wurden im Lauf der Jahrzehnte mit dem Förderschulstatus abgestempelt. Auch die, die objektiv zu Unrecht als „lernbehindert“ aussortiert wurden, bekamen aufgrund jahrelanger Unterforderung im isolierten Umfeld faktisch keine Chance mehr auf einen regulären Schulabschluss. Die damalige Rückschulungsquote ins Regelsystem nahe null belegt das. Der vermeintliche Schonraum wurde zur Falle.

Allein die Tatsache, dass die Exklusionsquote zwischen den Bundesländern erheblich variierte (im Schuljahr 2013/14 mit 1,9 Prozent in Bremen und 6,9 Prozent in Mecklenburg-Vorpommern um mehr als das Dreifache) zeigt, wie willkürlich Kinder dabei ausgesondert wurden. Ein anschauliches Beispiel, wie das geschehen konnte, lieferte der Prozess um den ehemaligen Förderschüler Nenad, der das Land Nordrhein-Westfalen aufgrund seiner zerstörten Bildungskarriere verklagte – und Recht bekam (News4teachers berichtete).

Zweiter Punkt: Die Schule ist praktisch der einzige Ort, an dem alle Kinder zusammenkommen – hier (und nur hier) kann soziales Lernen in einer größeren Gemeinschaft stattfinden. Schon die Vorstellung, dass Schüler homogene Lerngruppen brauchen, um sich erfolgreich Wissen und Fachkompetenzen aneignen zu können, ist falsch, wie die Arbeit der Grundschulen in Deutschland tagtäglich belegt.

Das Dogma der möglichst großen Homogenität der Klassen wird in Bezug auf das soziale Lernen geradezu absurd. Wie sollen Kinder lernen, mit unterschiedlichen Bedürfnissen, Voraussetzungen, Interessen und Perspektiven umzugehen, wie sollen sie lernen, sich in eine Gemeinschaft unterschiedlicher Individuen einzufügen, wie sollen sie lernen, für sich und andere, auch Schwächere, Verantwortung zu übernehmen – wenn sie nur von Gleichen umgeben sind? Hier bietet die Inklusion die Chance zur Begegnung auf Augenhöhe.

Wie wichtig diese Begegnungen für Kinder sind, sagen sie selbst. Die große Mehrheit (94 Prozent) fände es „gut“ oder „normal“, wenn Kinder mit Behinderung überall dabei wären – also auch in der Schule, wie eine aktuelle Umfrage der Aktion Mensch unter Schülerinnen und Schülern ergab. Fast zwei Drittel der befragten Mädchen und Jungen sehen Inklusion als Möglichkeit, dass sich Kinder mit und ohne Behinderung gegenseitig helfen könnten. Dass überhaupt Begegnungen stattfinden, dafür sorgt vor allem der gemeinsame Unterricht: Treffen zwischen Kindern mit und ohne Behinderung kommen überwiegend in der Schule zustande (77 Prozent) und nur selten in der Freizeit (18 Prozent), wie die Kinder berichten.

Heißt: Die Inklusion ist nichts Geringeres als eine Grundlage für eine soziale Gesellschaft, in der Kinder für mehr als ihren Eigennutz erzogen werden. Sie ist ein Menschenrecht, reicht in ihrer Wirkung aber weit über die Belange des oder der einzelnen Betroffenen hinaus. Das sollte am Tag der Menschen mit Behinderungen mal wieder deutlich gemacht werden. Auf dieser Grundlage lässt sich dann auch sinnvoll über die konkrete Ausgestaltung der Inklusion streiten – ob Förderschulen als freiwilliges Angebot erhalten werden sollten zum Beispiel, ob geistig Behinderte wirklich gut an einem Gymnasium aufgehoben sind, oder eben wie die Bedingungen aussehen müssen, um an Regelschulen erfolgreich inklusive Klassen unterrichten zu können. Es geht nicht um das Ob. Es geht ums Wie.

Von Andrej Priboschek

Der Digitalpakt für die Schulen in Deutschland schien gestern noch vom Bundestag in trockene Tücher gebracht worden zu sein. Heute ist klar: Das Projekt steht vor dem Aus, vorerst jedenfalls. Immer mehr Bundesländer weigern sich, die vorgelegte Grundgesetzänderung im Bundesrat abzusegnen. Das ist ein Debakel für Bundesbildungsministerin Anja Karliczek.

Vergeblicher Einsatz: Bundesbildungsministerin Anja Karliczek auf der re:publica in Berlin, einer der wichtigsten Konferenzen zu den Themen der digitalen Gesellschaft. Foto: Jan Zappner/re:publica / flickr (CC BY-SA 2.0)

Die Woche endet schlecht für Anja Karliczek – und für die Schulen in Deutschland. Die Bundesbildungsministerin steht vor einem Scherbenhaufen namens Digitalpakt: Immer mehr Bundesländer melden Widerstand gegen die vom Bundestag beschlossene Grundgesetzänderung an, die der Bundesrat aber noch absegnen muss.

Nachdem zunächst Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann prinzipielle Bedenken gegen ein Engagement des Bundes in die Schulpolitik der Länder kundtat, stören sich nun eine ganze Reihe von Landesregierungen am Kleingedruckten. Das wiederum nimmt jetzt der bayerische Ministerpräsident Markus Söder zum Anlass, ebenfalls grundsätzlich zu werden – und seine Ablehnung anzukündigen. Heißt: Der Digitalpakt wird nicht, wie geplant, zum 1. Januar kommen. Ob er kommt – und wann –, das steht mal wieder in den Sternen.

Man traut angesichts solcher Nachrichten seinen Ohren kaum und fragt sich: Reden die eigentlich nicht miteinander? Die Christdemokratin Karliczek ist (neben Bundesfinanzminister Olaf Scholz, SPD) federführende Ministerin für den Digitalpakt. Auf SPD-Seite herrscht Ruhe. Scholz hat offenbar seine Hausaufgaben gemacht und die Genossen auf Linie gebracht – außer dem Grünen Kretschmann sind es nun vor allem die Länderfürsten der Union, die das Vorgehen der Bundesregierung zurückweisen. Das ist eine Klatsche für die Parteifreundin.

Tatsächlich hat sich offenbar eine Formulierung in die Grundgesetzänderung eingeschlichen, die vorher nicht mit den Ministerpräsidenten besprochen worden war. Die betrifft nichts Geringeres als die Finanzen. Sinngemäß steht jetzt zur Abstimmung, dass Bund und Länder bei Bildungsinvestitionen des Bundes künftig jeweils die Hälfte der Kosten tragen sollen. Der Digitalpakt wird zwar ausdrücklich davon ausgenommen. Das aber nährt umso mehr den Verdacht, dass es sich bei dem Fünf-Milliarden-Euro-Paket um ein Trojanisches Pferd handelt und die Bundesländer mit einem „Ja“ künftig in der Schulpolitik unter die Kuratel aus Berlin geraten. Der Bund bestimmt und die Länder sollen (mit-)bezahlen? Nein danke, so heißt es mittlerweile auch in Hessen, Schleswig-Holstein und Thüringen.

Unabhängig von der Auseinandersetzung um die Sachfrage ist es schlicht politisches Handwerk, das hier nicht klappt – und den Digitalpakt mittlerweile zum BER der Bildungspolitik macht, zur schier endlosen Baustelle. Eine Abfolge von Pleiten, Pech und Pannen begleitet das Projekt von Anfang an.

“Großer Sprung nach vorn”

Vor mittlerweile zwei Jahren trat Karliczeks Amtsvorgängerin Johanna Wanka vor die Presse – und kündigte vollmundig eine Digitaloffensive mit den Ländern an. „Wir müssen bei der digitaler Bildung einen großen Sprung nach vorn machen“, erklärte sie seinerzeit und stellte fünf Milliarden Euro in Aussicht, die der Bund in jährlichen Tranchen bis 2021 ausschütten wolle. Voraussetzung: Die Länder entwickeln ein Konzept dafür. Sie gehe davon aus, das Geld des Bundes absichern zu können. Sogar einen hübsch-kryptischen Namen hatte sich die PR-Abteilung des Bundesbildungsministerium bereits ausgedacht: „DigitalPakt#D“.

Das Konzept der Länder lag dann schon im darauffolgenden Juni vor. Irritierend allerdings schon zu diesem Zeitpunkt: Für die entscheidende KMK-Sitzung hatten angeblich weder Wanka noch einer ihrer Staatssekretäre Zeit – hinterher ließ man knapp verlauten, dass ein Konzept ohne Beteiligung des Bundes noch nicht als „Ergebnis“ gesehen werden könne. Auch dass keinerlei entsprechende Ausgabenposten in der Haushaltsplanung des Bundes zu finden war, weckte den Argwohn nicht nur von sozialdemokratischen Kultusministern.

Und dann? Hieß es beim Bundesbildungsministerium plötzlich: Das Geld könne erst in möglichen Koalitionsverhandlungen nach der Bundestagswahl „eingeworben“ werden. Im Klartext: Es gab keinerlei Verbindlichkeiten, keinerlei konkrete Planungen, kein Geld. Wankas „DigitalPakt#D“ entpuppte sich als heiße Luft.

Dann kamen die Bundestagswahl, die schier endlosen Koalitionsverhandlungen, mit Karliczek eine neue Bundesbildungsministerin und plötzlich eine Grundgesetzänderung als Vorbedingung, von der vorher nie die Rede gewesen war. Immerhin: aus dem „DigitalPakt#D“ war dem Namen nach ein aussprechbarer „Digitalpakt” geworden. Dass FDP und Grüne für die erforderliche Zwei-Drittel-Mehrheit im Bundestag gewonnen werden konnten, durfte sich Karliczek durchaus noch als Kurzzeit-Erfolg ans Revers heften. Der hatte leider gerade mal 24 Stunden Bestand. Jetzt muss man konstatieren: Der Digitalpakt wird zum Debakel.

Von Andrej Priboschek

Welche Konsequenzen hat die Digitalisierung für die Bildung und Ausbildung? Und andersherum: Wie sieht’s auf der anderen Seite aus – den Schülern? Wie lassen sich Jugendliche heute noch errreichen im Zeitalter des “Always-on”? Worauf sich Lehrer und Ausbilder in den nächsten Jahren einstellen sollten, machten zwei prominente Referenten auf dem Deutschen Ausbildungsleiterkongress (DALK), der am 21. und 22. November 2018 in Düsseldorf stattfand, deutlich: der Wissenschaftsjournalist und Physiker Ranga Yogeshwar sowie Deutschlands bekanntester Jugendforscher, Prof. Klaus Hurrelmann.

Deutschlands bekanntester Wissenschaftsjournalist, Ranga Yogeshwar, hielt ein Plädoyer für neue Lehr- und Lernmethoden. Foto: Frank Metzemacher / DALK

Ranga Yogeshwar wurde persönlich. Nach seinem ersten Schultag, seinerzeit noch in Indien, sei er höchst irritiert nach Hause gekommen. Er – Sohn eines Ingenieurs und einer Kunsthistorikerin, Enkel zudem eines renommierten Bibliothekars – sei ein neugieriger Junge gewesen, der sich gerne herumgetrieben und auf Neues eingelassen habe. In der Schule aber habe er auf einer Bank stillsitzen müssen, er habe nicht reden dürfen und habe sich eingesperrt gefühlt. „Das Lernen in der Schule war für mich zunächst mit Einschränkung verbunden, später mit schlechter Luft“, berichtete der renommierte Physiker, Deutschlands bekanntester Wissenschaftsjournalist.

Bis heute habe sich an diesem „Lernen im Gleichschritt“ wenig geändert, auch an den muffigen Klassenzimmern nicht.  „Dabei ist Lernen ist kein linearer Prozess, das wissen wir alle“, sagte Yogeshwar, Vater von vier Kindern. Doch das, was jetzt über die Welt hereinbreche, werde auch die Schulen nicht unberührt lassen: eine Digitalisierung, die die Kultur grundlegend verändert. So wie teure Enzyklopädien innerhalb weniger Jahre praktisch vollständig durch das offene Online-Lexikon Wikipedia verdrängt worden seien, verändere sich auch die Bildung – das Modell „ein Sender, viele Empfänger“ habe ausgedient. „Heute ist jeder ein Sender“, erklärte Yogeshwar.

Das bedeutet für Schule und Ausbildung: Offene Lehr- und Lernprozesse werden die Wissensvermittlung in der tradierten Taktung von Fächern, Klassenarbeiten und Jahrgangsstufen ablösen. „Unser System muss fundamental anders werden“, so forderte Yogeshwar. „Wir müssen weg von einer Leistungsorientierung, die sich allein an Tests und Abschlüssen ausrichtet, hin zu einer echten Lernorientierung.“ Die Grundlage dafür: eine vertrauensvolle und enge Beziehung zwischen Lehrern und Schülern. „Ihr Job ist dafür unendlich wichtig“, so sagte Yogeshwar in Richtung seines Publikums – mehr als 2.000 Ausbildungsleitern und Berufsschulverantwortlichen auf dem Deutschen Ausbildungsleiterkongress.

“Die ganze Umwelt ist digital durchwirkt”

Wie sieht’s auf der anderen Seite aus – den heutigen Schülern? Deutschlands renommiertester Jugendforscher Prof. Klaus Hurrelmann erklärte die Besonderheiten der „Generation Z“, der nach der Jahrtausendwende Geborenen also. „Das Smartphone ist für sie wie ein Körperbestandteil“, erklärte der Wissenschaftler, „die ganze Umwelt ist digital durchwirkt“. 60 Prozent der Jugendlichen kämen mit der enormen Herausforderung, ständig online zu sein, gut zurecht – für sie erwüchsen aus dem Kulturwandel riesige Chancen. 20 Prozent aber hätten Schwierigkeiten, weitere 20 Prozent sogar gravierende Probleme mit der Allgegenwart des Bildschirms und der ständigen Erreichbarkeit. Bei ihnen litten Konzentrationsfähigkeit und Leistungsvermögen erheblich.

Bemerkenswert: Es seien vor allem Jungen und junge Männer, denen die Digitalisierung Probleme bis hin zur Abhängigkeit bereite. Ohnehin zeichne sich bei den Jugendlichen eine „echte Männerkrise“ ab. Jungen zeigten sich der Art, wie im Bildungssystem gearbeitet werde, zunehmend weniger gewachsen. „Wir brauchen dringend Konzepte, um sie anzusprechen“, sagte Hurrelmann. Möglicherweise seien digitale Unterrichtsformate  ein Kanal, um sie für die Bildung gewinnen zu können. Solche stünden bei Schülern, auch bei Mädchen, ohnehin weit oben auf der Wunschliste. „Junge Leute wünschen eine flexible Abstimmung der Anforderungen“, erklärte der Forscher – heißt: Individualisierung, ein Eingehen auf persönliche Befindlichkeiten, wird gewünscht.

Das kommt nicht von ungefähr. Kinder von heute haben laut Hurrelmann eine extrem enge Bindung an ihre Eltern – und bekommen von ihnen viel Aufmerksamkeit. Ein bisschen zu viel nach dem Geschmack des Wissenschaftlers. „Die Eltern sind ihnen immer auf den Fersen“, sagt er. Das zeige sich, wenn Mütter mit Rollkoffer morgens in die Grundschulen strömten, um ihre Kinder zum Platz in der Klasse zu begleiten. Das zeige sich bei Veranstaltungen zur Berufsorientierung für 17- und 18-Jährige – die vor allem von Müttern besucht würden. Selbst bei seinen Vorlesungen säßen heutzutage Mütter, die eifrig mitschrieben, berichtete der Hochschullehrer – um Notizen für ihre erkrankten Söhne oder Töchter anfertigen zu können. „Überdrehen die Eltern?“, fragte Hurrelmann rhetorisch, um sogleich zu antworten. „Sie räumen alle Widerstände aus dem Weg und das ist nicht gut.“ Eine Folge: „Wenn man den jungen Leuten etwas Kritisches sagt, dann sind sie verschwunden. Das kennen sie nicht.“

Wie lässt sich darauf reagieren? Hurrelmanns Rat an Lehrer und Ausbildungsleiter: Um dem Wunsch nach Harmonie zu entsprechen, sollten klare Umgangsregeln aufgestellt und explizit erklärt werden („heute ist nichts mehr selbstverständlich, das ist ein heterogenes Völkchen“) – idealerweise unter Mitwirkung aller. Dann müssten die Regeln auch wirklich gelten. Konsequenz sei wichtig. Sie gebe jungen Menschen die Sicherheit, die sie heute bräuchten. Mit allzu großen Freiräumen hingegen, die in die ohnehin diffuse digitale Welt noch mehr Entscheidungszwänge trügen, brauche man ihnen nicht zu kommen. Hurrelmann: „Damit hat man schlechte Chancen.“

Von Andrej Priboschek

Anrührend schöne Initiativen aus der schulischen Praxis, zukunftsweisende Diskussionen zwischen Wissenschaftlern, Lehrkräften, Schülern und Bildungsengagierten, Workshops renommierter Experten zu Grundsatzthemen wie zeitgemäßer Demokratieerziehung oder künftiger Lehrerausbildung, aber immer wieder auch aufflammender Ärger über die schlechten Rahmenbedingungen: Wie unter einem Brennglas ließ sich auf der #KonfBD18 des Forums Bildung Digitalisierung beobachten, vor welch drastischen Umwälzungen das deutsche Bildungswesen steht. Die Konferenz, die 2018 am 15. und 16. November in Berlin stattfand, gilt als Leitveranstaltung für das Zukunftsthema Nummer eins.

“Wissen reproduzieren kann Google besser”: PISA-Koordinator Andreas Schleicher hielt ein Plädoyer für ein neues Verständnis von Bildung. Foto: #KonfBD18

Zuerst die schlechte Nachricht: Die Digitalisierung der Schulen steht dramatisch auf der Kippe. Damit der Bund dafür endlich – wie schon seit zwei Jahren angekündigt – fünf Milliarden Euro ausschütten kann, muss das Grundgesetz geändert werden, das die Länderhoheit bei der Bildung festschreibt. Weil dafür eine Zweidrittelmehrheit im Bundestag nötig ist, braucht die große Koalition auch Zustimmung aus Reihen der Opposition. Und die fehlt immer noch. Zwei Sitzungstermine, auf denen eigentlich der Digitalpakt festgezurrt werden sollte, seien geplatzt – weil es nach wie vor keine Einigung gebe, so berichtet Heinz Wolff, Staatssekretär aus dem sächsischen Kultusministerium und Vorsitzender der KMK-Lenkungsgruppe „Bildung in der digitalen Welt“, vor den rund 650 Teilnehmerinnen und Teilnehmern der #KonfBD18.

Ob die fünf Milliarden überhaupt noch kommen? Steht in den Sternen. Noch schlimmer: Kommunen und Länder haben ihr eigenes Engagement für die Digitalisierung der Schulen in Erwartung des Geldregens aus Berlin weitgehend gestoppt. Heißt: Deutschland leistet sich beim Zukunftsthema Nummer eins derzeit politischen Stillstand. Was das vor Ort bedeutet, macht Maike Schubert, Leiterin der (mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichneten) Freiherr-vom-Stein-Schule im niedersächsischen Neumünster deutlich. Das Kollegium stehe in den Startlöchern, die Konzepte seien längst entwickelt – aber die erforderlichen Geräte fehlten. Und nichts passiere. Es werde zwar immer zu Recht betont, dass Pädagogik vor Technik gehe, so Maike Schubert. Aber völlig ohne IT könne die Digitalisierung ja wohl kaum gelingen.

Die gute Nachricht: Trotz aller Widrigkeiten gedeihen an vielen Schulen bundesweit spannende Initiativen, für die die Digitalisierung der Hebel ist, um Unterrichtsreformen voranzubringen. Die Technik mit ihren vielfältigen Möglichkeiten zur Kommunikation und zur Kollaboration eröffnet Lernwege, von denen Lehrende und Lernende früher nicht mal zu träumen gewagt hätten. Beispiel Hermann-Lietz-Schule / Internat Schloss Bieberstein: Die schickt Schüler der 10. Klasse ein halbes Jahr lang auf eine Reise über drei Kontinente, um Lektionen vor Ort zu bekommen – Kunst in Florenz, Religion in Nepal, Wirtschaft in Indien oder Englisch in Südafrika. Ein Pädagoge begleitet die Schüler, der Fachunterricht läuft online. Selbst Klausuren finden dabei im vorgeschriebenen Turnus statt.

Ein überkandideltes Projekt nur für Millionärskinder? Keineswegs, so betont Koordinator Robert Miebach im Gespräch. „Es geht dabei ja hauptsächlich um die praktischen Erfahrungen – und darum, parallel dazu einen passenden Unterricht anzubieten. Und das ist mithilfe der Digitalisierung möglich.“ Der außerschulische Lernort könne ja genauso gut in einem Betrieb in der Nachbarschaft oder in einem Museum der Heimatstadt liegen, die (überaus positiven) Erfahrungen seien also durchaus übertragbar auf staatliche Regelschulen.

Ein anderes Beispiel: eine Alternative zum tradierten System der Leistungsbewertung, das Oberstufenkoordinator Björn Nölte an der Voltaireschule Potsdam praktiziert. Es geht dabei darum „Arbeitsvorhaben über einen längeren Zeitraum zu bewerten, wobei es den Schülerinnen und Schülern selbst freigestellt ist, zu welchen Zeitpunkten sie von mir das Feedback holen“, wie Nölte erklärt. „Die Schülerinnen und Schüler haben in umfangreichen Lernaufgaben in meinen beiden Unterrichtsfächern Deutsch und Geschichte von mir übers ganze Halbjahr eine komplexe Leistung zu erbringen. Sie bekommen von mir immer dann, wenn sie das möchten, ein Feedback zu ihrem bisherigen Stand, um mit diesen Hinweisen dann ihre Arbeit zu verbessern, um am Ende dann ein gutes oder sehr gutes Ergebnis zu erreichen – möglichst alle Schülerinnen und Schüler. Niemand wird mit einer schlechten Note bestraft, einige Schülerinnen und Schüler benötigen nur halt mehr Zeit oder mehr Rückmeldungen von mir, um zu diesem Ergebnis zu kommen.“ Das, so Nölte, sei ein fundamentaler Paradigmenwechsel.

Das wird nicht der einzige bleiben – wie Andreas Schleicher, internationaler Koordinator der PISA-Studien, deutlich machte: Deutschlands Schulen stehen vor einer Revolution. Und zwar nicht, weil die Digitalisierung nette neue Möglichkeiten bietet, den Unterricht bunter zu gestalten. Sondern weil die Digitalisierung die Welt so verändert, dass es künftig nicht mehr darum gehen kann, Wissen bloß zu reproduzieren. „Das kann Google besser und schneller“, sagt Schleicher.

„Wichtiger wird ein epistemisches Verständnis: Kann ich denken wie ein Mathematiker? Kann ich denken wir ein Naturwissenschaftler? Kann ich denken wie ein Historiker? Wenn wir zum Beispiel an die Geschichte denken: Im Zeitalter der Digitalisierung macht es wenig Sinn, sich Namen oder Plätze zu merken. Denn das ist im Grunde totes Wissen“, so befindet der OECD-Direktor. Wichtiger sei: „Kann ich erkennen, wie sich das Narrativ einer Gesellschaft entwickelt hat? Warum hat es sich so entwickelt? Kann ich die historischen Prozesse verstehen? Übertragen auf die Naturwissenschaften heißt das: Kann ich ein Experiment konzipieren? Kann ich unterscheiden zwischen Erkenntnissen, die man wissenschaftlich verstehen kann und Behauptungen, an die man glauben muss. Ich denke, dass ist das Entscheidende. Nicht das Anhäufen von Fachwissen, sondern die Kenntnis der Strukturen. Wenn wir dieses Strukturwissen nicht haben, dann werden wir auch nicht sinnvoll bei Google suchen können. Man muss lernen, die geeigneten Fragen zu stellen.“

“Lehrkräfte werden noch viel wichtiger”

Was bedeutet das für den Unterricht? Schleicher erklärt im Gespräch: „Die Rolle der Lehrkraft verschiebt sich – weg vom reinen Wissensvermittler, hin zum Mentor, der Lernprozesse ermöglicht und steuert. Lernen ist immer ein sozialer Prozess. Und Technologie kann diesen sozialen Prozess verstärken. Aber sie kann diesen nicht ersetzen. Insofern werden Lehrkräfte sogar noch sehr viel wichtiger, als sie es heute schon sind.“

Begeisterung löst diese Perspektive bei den meisten Lehrkräften allerdings nicht aus. Viele sehen sich schon heute am Rande ihrer Möglichkeiten – die Digitalisierung wird von ihnen als weiteres Problem wahrgenommen, neben Herausforderungen wie Inklusion, Integration und verhaltensauffälligen Schülern. „Das ist doch völlig verständlich“, entgegnet Schleicher. „Weil wir die Digitalisierung auf alles andere draufpacken. Wir verändern nichts. Natürlich ist das eine Zumutung. Es gibt zwar Enthusiasten unter den Lehrkräften, aber die sind nicht die Mehrheit. Wir müssen Anreize schaffen. Das bedeutet: die Zeit, den Raum für Veränderung geben. Das ist in jedem anderen Unternehmen auch so. Lehrkräfte müssen eben auch was davon haben. Die Digitalisierung wird für sie interessant, wenn sie sehen: Meine Arbeit verändert sich grundlegend. Sie wird leichter, spannender, durch die Zusammenarbeit mit Kollegen interessanter.“

Dabei allerdings wäre dann auch die Politik am Zug, geeignete Rahmenbedingungen zu schaffen, so ist allenthalben auf der #KonfBD18 zu hören – und sei’s nur erst mal durch Entschlackung der Lehrpläne, um Freiräume für exploratives Lernen zu schaffen. Doch die Verantwortlichen, so scheint es, haben an den Ideen und Initiativen aus den Schulen genauso wenig Interesse wie an den Warnungen aus der Wirtschaft und der Wissenschaft, die Entwicklung nicht zu verschlafen. „Die Politik hat die Tragweite überhaupt nicht verstanden“, so empört sich Dr. Ekkehard Winter, Geschäftsführer der Telekom-Stiftung. Bezeichnend: Kaum ein Parteienvertreter lässt sich auf der Konferenz blicken, die immerhin als Leitveranstaltung für digitale Bildung in Deutschland gelten kann. Und Staatssekretär Wolff ist zu sehr in Eile, um sich mit den Anliegen der Teilnehmerinnen und Teilnehmern näher zu beschäftigen. Er gibt sein Statement und rauscht ab.

Hier gibt es weitere Informationen zur #KonfBD18.

Pressemitteilung

FRANKFURT/MAIN. Die Frankfurter Buchmesse ist von je her auch Anziehungspunkt für Lehrerinnen und Lehrer. Folgerichtig hat die Messe mit „Frankfurt EDU“ jetzt eine neue internationale Plattform für innovative Konzepte, Inhalte und Technologien der Bildungsbranche entwickelt. Hier werden vom 10. bis zum 14. Oktober 2018 die Trends für die Zukunft des Lernens  präsentiert. Mittendrin: die EDU Start-up Area von EDUvation.

Junge Unternehmen stellen sich dort vor. Von der One-Man-Show in der Speakers’ Corner über kostengünstige Tische und Stelen bis hin zum eigenen kleinen Stand bietet der Bereich vielseitige Präsentationsmöglichkeiten, ideal für Newcomer in die Branche – und interessant für Besucher: Sie erleben Innovationen hautnah.

„Schulen und Lehrkräfte sind zwar offen für Innovationen“, erklärt Tobias Himmerich, Gründer von EDUvation, das die Einsteiger in den Bildungsmarkt berät. „Aber leider verfügen Schulen nur selten über gut gefüllte Etats, aus denen sich diese Innovationen auch finanzieren ließen.“ Es ist also nicht leicht für junge Unternehmen, auf dem Bildungsmarkt zu bestehen. Umso mehr kommt es darauf an, das eigene Vorgehen gründlich zu planen und gegebenenfalls auf die Suche nach geeigneten Partnern zu gehen. Hierbei hilft EDUvation – etwa mit der „Start-up Area“ auf der Frankfurter Buchmesse.  Bis zu 25 Start-ups aus dem Bildungsbereich präsentieren sich dort. „Sie können Kontakte zu neuen Kunden, Investoren und strategischen Partnern knüpfen“, sagt Tobias Himmerich. Angemeldet sind beispielswiese die Start-ups Sofatutor, StudyHelp, Brainyoo, meinSchulprojekt und viele mehr.

Ein Begleitprogramm bietet den passenden Rahmen. Es gibt dort unter anderem:

  • Investoren-Night mit Business Angels am Freitag, 11. Oktober, 17 Uhr
  • Workshops speziell für EDU Start-ups
  • Founder Stories von erfolgreichen Gründer/innen
  • Standparty zum Netzwerken
  • ein Startup Lunch für Gründer/innen  in der Buch- und Medienbranche

Zusätzliche Angebote der Frankfurter Buchmesse unter der neuen Dachmarke „Frankfurt EDU“:

  • Education Stage mit Bildungs-Events
  • Workshop Area mit interaktiven Veranstaltungen
  • The Lab – das interaktive Bildungslabor
  • Matchmaking 1-2-1 mit internationalen Geschäftspartnern
  • EdTech Area

Partner der Start-up Area sind der Bildungsverlag Cornelsen, der Accelerator CONTENTshift der Börsenvereinsgruppe, die Wirtschaftsförderung der Stadt Frankfurt/Main, der didacta Verband mit seiner neuen Marke „didacta Start-ups“ und 4teachers.de.

EDUvation wird von der Agentur für Bildungsjournalismus unterstützt. Gründer und Leiter Andrej Priboschek wird am Freitag und am Samstag, 12. und 13. Oktober, auf der Buchmesse vor Ort sein und den Start-ups Tipps für eine erfolgreiche PR und ein zielgerichtetes Marketing geben.

Anmeldungen  sind kurzfristig noch möglich: http://www.eduvation.de/frankfurt-edu/

Die EDU Start-up Area, 10. bis 14. Oktober auf der Frankfurter Buchmesse,

Halle 4.2. Stände A98, A95, B104, B95

Medienvertreter sind herzlich zur Berichterstattung eingeladen.

Pressekontakt:

Agentur für Bildungsjournalismus

0211 / 97 17 75 53

andrej.priboschek@bildungsjournalist.de

 

Von Andrej Priboschek

BERLIN. Dutzende von Start-ups, die den Bildungsmarkt erobern wollen, präsentierten sich nun auf einem Treffen in Berlin. Der Einfallsreichtum der Jungunternehmer ist enorm. Die Schulen, das ist absehbar, werden von der heraufziehenden Dynamik auf der Angebotsseite profitieren.

Herausforderung Start-up:: Wer ein Unternehmen gründet, muss mehr im Kopf haben als eine Produktidee. Illustration: Shutterstock

Die Digitalisierung, so heißt es, wird die Schulen revolutionieren. Die Lehrerinnen und Lehrer bekommen ein zusätzliches Instrumentarium an die Hand, ihre Rolle verändert sich – weg vom Dozenten, hin zum Lerncoach –, das Lernen selbst wird offener, selbstbestimmter und kooperativer, die Kommunikation zwischen Lehrkräften, Schülern und Eltern enger und die Organisation des Schulbetriebs effizienter. Stimmt alles. Dass allerdings noch deutlich mehr passiert, ist bislang nicht so richtig auf dem Schirm präsent: Der Bildungsmarkt steht nämlich vor einem Umbruch. Die gute Nachricht dabei: Das Unterstützungsangebot für die Akteure in den Schulen wächst gewaltig. Eine  Vielfalt von neuen Ideen wird Lehrerinnen und Lehrern den Unterrichtsalltag erleichtern.

Auf einer Start-up-Konferenz von Eduvation, einer Initiative, die sich die Förderung von Gründern im Bildungsmarkt auf die Fahnen geschrieben hat, ließ sich nun die Dynamik des Geschehens beobachten. Dutzende von Jungunternehmer waren auf dem Phorms Campus Berlin Mitte präsent, darunter viele Lehrkräfte und Bildungspraktiker, die mit ihren Erfahrungen aus dem Schul- und Unterrichtsalltag auf hohen Nutzwert setzen – ob es sich dabei um eine Plattform handelt, die unterschiedliche Schülergeräte auf einer einheitlichen digitalen Plattform datensicher bündelt, ein digitales Bestellsystem für Schulbücher, das Stunden an Lehrerarbeitszeit spart, oder um Lernkonzepte zur Medienkompetenz auch schon in Kitas. „Wir brauchen mehr Mut, mehr Ideen, die auch mal scheitern dürfen, aber Veränderung ins System tragen“, forderte Katja Hintze, Vorstandsvorsitzende der Stiftung Bildung. Und diesen frischen Wind brächten die Start-ups hinein.

Ideenwettbewerb

Einige davon stellten sich und ihre Ideen in einem Wettbewerb vor, dessen Sieger als deutscher Repräsentant zu den „Global Edtech Startup Awards“ im Januar nach London geschickt wird. Internationale Aufmerksamkeit ist dort garantiert. Entsprechend legten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ins Zeug, um vor der Jury – darunter Cornelsen-Geschäftsführer Frank Thalhofer und „Bündnis-für-Bildung“-Geschäftsführerin Beth Havinga – und dem Publikum zu bestehen.

Sieger des Abends wurde „Maphi“, eine Mathe-Lern-App, die  den jungen Entwicklern zufolge nichts Geringeres leistet als das Grundproblem der Mathematik-Didaktik zu lösen, nämlich: dass sinnvolles Rechnen erst dann möglich ist, wenn das jeweilige Prinzip verstanden wurde – dass aber Rechnungen nötig sind, um das Prinzip zu verstehen. „Maphi“ setzt auf spielerisches Ausprobieren: Gleichungen lassen sich auf dem Bildschirm variieren. Die Auswirkungen des Handelns werden so unmittelbar erkennbar. Eine Dokumentation des Rechenwegs sowie anschließende Testaufgaben sollen echte Lerneffekte sicherstellen.

Aber auch die übrigen Teilnehmer konnten mit Angeboten überzeugen, die auf große Nachfrage hoffen können, weil sie praxistaugliche Lösungen für akute Bildungsprobleme versprechen – etwa „Binogi“, eine bereits in Schweden erfolgreiche E-Learning-Plattform. Die bietet extrem aufwändig entwickelte Unterrichtseinheiten im Filmformat für MINT-Fächer und möchte damit nun den deutschen Bildungsmarkt erobern. Das Besondere: Die Lektionen sind in sechs Sprachen abrufbar, darunter Arabisch und Dari, sodass auch Flüchtlingskinder ohne Deutschkenntnisse damit sinnvoll in den Unterricht einbezogen werden können. „Die Integration lässt sich damit um ein Jahr beschleunigen“, so sagen die Anbieter.

Ob „brainimals“, eine Übungsapp für Grundschüler, die sich dank künstlicher Intelligenz an das Niveau des Nutzers anpasst, oder „exclamo“, ein von Schülern entwickeltes Anti-Mobbing-Meldesystem, ob „Story-Planet“, eine Sprachlernmethode, die auf via Whatsapp verschickte Literaturhäppchen setzt oder „StudyHelp“, ein aus einer Studenteninitiative hervorgegangenes Nachhilfeunternehmen – die Präsentationen wirkten allesamt professionell und selbstbewusst.

„Wir wollen das Amazon der Bildung werden“, so kündigte beispielsweise StudyHelp-Gründer Daniel Weiner frech an. Ein vermessener Anspruch? Er scheint jedenfalls nicht völlig abwegig zu sein, wenn man sich die Entwicklung binnen weniger Jahre anschaut:  „Crashkurse für Freunde geben und ihnen damit durch die Prüfungen helfen“ – mit dieser Idee habe die Geschichte angefangen, so heißt es auf der Homepage der Paderborner Jungunternehmer. Mittlerweile beschäftigen die schon 15 Mitarbeiter und sind mit ihren stark nachgefragten Kursen bereits an über 200 Standorte in Deutschland und Österreich expandiert. Mit einem eigenen Verlag sollen jetzt die entwickelten Unterrichtsmaterialien vermarktet werden. Und irgendwann, so der Plan, gibt’s dann eine StudyHelp-Plattform, über die Inhalte möglichst vieler Anbieter abrufbar sind. Wie bei Amazon eben. Agentur für Bildungsjournalismus

Von Andrej Priboschek

Der Fall Mesut Özil ist ein Paradebeispiel für eine völlig missratene Krisenkommunikation. Daraus lassen sich Schlüsse ziehen für alle, die sich plötzlich einer empörten Öffentlichkeit gegenüber sehen. Das können, um im Bereich Bildung zu bleiben, Kultusminister sein. Oder Schulleitungen.

MIt diesem Twitter-Post informierte die AKP über das Treffen der Fußballer mit Erdogan. Screenshot

Der Rücktritt von Mesut Özil und das mediale Drumherum sollten für jeden Verantwortlichen in der Öffentlichkeitsarbeit und PR als Anschauungsbeispiel dienen. Überschrift: Was man auf jeden Fall vermeiden sollte, um im Krisenfall nicht noch Öl ins Feuer zu gießen. Der Anlass – das Wahlkampf-Foto mit dem türkischen Autokraten Erdogan – war zwar kritikwürdig, lag auf der nach oben offenen Skandalskala aber zunächst längst nicht im Katastrophenbereich. Zur Erinnerung: Özil war ja nicht der einzige Fußball-Nationalspieler, der sich für Erdogan einspannen ließ. Sein Mannschaftskollege Ilkay Gündogan war ja gleichermaßen aktiv. Mehr noch. Gündogan schenkte dem türkischen Staatsoberhaupt sogar ein Trikot mit der Widmung „Meinem Präsidenten“. Für einen Deutschen, Gündogan besitzt keinen weiteren Pass, eine bemerkenswert schräge Aussage.

Und trotzdem: Gündogan ist nach wie vor Nationalspieler – und kaum jemand hat seinen Beitrag zu dieser Affäre noch auf dem Schirm. Niemand verlangt seinen Rücktritt. Dabei hat er sich genauso wenig für die Wahlkampfhilfe entschuldigt wie Özil. Er hat auch nicht besser bei der Fußball-WM gespielt. Der entscheidende Unterschied: Gündogan hat sich rechtzeitig erklärt. Er hatte offenbar deutlich bessere PR-Berater als Özil.

Der größte Fehler, den Menschen machen können, die von den Medien mit einem negativen Ereignis verbunden werden und die sich deshalb plötzlich einer empörten Öffentlichkeit gegenübersehen, ist: abzutauchen. Den Reflex hat wohl jeder. Warum soll man sich öffentlich äußern, wenn der Sachverhalt eigentlich klar ist oder man selbst zur Klärung (noch) gar nicht viel beitragen kann? Zwei Monate ließ sich Özil Zeit für eine Erklärung. In dieser Zeit hat sich die Öffentlichkeit längst ihre Meinung gebildet.

Dafür muss man wissen: Wer selbst nicht Stellung bezieht, über den wird Stellung bezogen – von anderen. Das gilt für Kultusminister, die sich für schlagzeilenträchtige Ereignisse in ihrem Kompetenzbereich verantworten sollen (beispielsweise den aktuellen Lehrermangel), genauso wie für Schulleitungen, die sich für so furchtbare Ereignisse wie den Tod eines Schülers oder das vermeintliche krasse Fehlverhalten eines Lehrers rechtfertigen sollen. So etwas geschieht selten, aber es passiert. Versuche, das Thema abzubürsten, gehen garantiert in die Hose. Wie sich am Beispiel von Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff zeigen lässt, der im Vorfeld der WM die Debatte um das Erdogan-Foto für beendet erklärte. Womit er sich lächerlich machte.

Kommunikation – möglichst ehrlich. Reicht schon.

Solche Versuche hat es auch immer wieder in der Bildungspolitik gegeben – etwa von Niedersachsens früherer Kultusministerin Frauke Heiligenstadt, die seinerzeit zum Abordnungschaos nur höchst widerwillig Auskunft gab. Als sie dann doch Stellung beziehen musste, stellte sie den dilettantisch verwalteten Lehrermangel als völlig normal dar. Und machte sich damit lächerlich. Zur Landtagswahl durfte sie dann gar nicht mehr für das Amt antreten. Der Vergleich mit Gündogan zeigt aber: Es ist gar nicht nötig, in Sack und Asche zu gehen. Wer sich zeitnah erklärt und damit der Öffentlichkeit zeigt, das Thema zumindest ernst zu nehmen, der wird auch ernst genommen.

Allerdings: Die Form der Erklärung spielt schon auch eine Rolle, nicht nur der Zeitpunkt. Eine geschwätzige und in entscheidenden Teilen unverständliche Deklaration herauszugeben („Ich verstehe, dass es vielleicht schwer nachzuvollziehen ist, da in einigen Kulturen ein politischer Führer nicht getrennt von der Person betrachtet werden kann. Aber in diesem Fall ist es anders.“), aber Nachfragen nicht zu beantworten, ist in keinem Fall eine gute Idee. Es geht um Kommunikation, die ist nunmal keine Einbahnstraße. Und es geht um Ehrlichkeit – die Grundlage jeder guten PR.

Andrej Priboschek leitete sieben Jahre lang die Öffentlichkeitsarbeit des Schulministeriums von Nordrhein-Westfalen. Er leitet heute die Agentur für Bildungsjournalismus, eine Kommunikationsagentur