News4teachers hat sich 2019 als die reichweitenstärkste spezielle Nachrichtenseite für die Bildung in Deutschland etabliert. Wie die regelmäßigen Besucher unserer Seite wissen, berichten wir täglich frisch und (so gut wir können) journalistisch fundiert über alle bildungsrelevanten Themen – und das in der Regel sieben Tage die Woche. Wir freuen uns sehr, dass unser Angebot von einer stetig steigenden Zahl von Menschen angenommen wird. Nicht nur die guten Zugriffszahlen dokumentieren das, sondern auch die vielen Forenbeiträge von Leserinnen und Lesern, die unsere Seite bereichern.

News4teachers erreicht monatlich laut Google Analytics mittlerweile mehr als 200.000 Leserinnen und Leser im Monat.

Die Macher dieser Seite sind Journalisten und Lehrer, die aus eigener Recherche und mithilfe von Agenturmeldungen einen Überblick über das aktuelle Geschehen in der Welt der Bildung geben wollen. Wir möchten ein Fachpublikum, nämlich alle beruflich im Bildungsbereich Engagierten, ansprechen und ihm eine publizistische Stimme geben. Wir haben noch viel vor mit News4teachers.

Umfrage ergab: Wir erreichen die Menschen, die wir erreichen wollen

Um unsere Leserinnen und Leser noch besser kennenzulernen, haben wir sie in der vergangenen Woche kurz – und natürlich anonym – zu ihrem Hintergrund befragt. Wir wollten wissen: Aus welchem beruflichen oder privaten Blickwinkel lesen sie News4teachers? Innerhalb von nur 24 Stunden nahmen mehr als 1.000 Leserinnen und Leser (exakt. 1.015) an unserer Umfrage teil. Das Ergebnis ist für uns nicht ganz überraschend, belegt allerdings, dass News4teachers tatsächlich bei den Menschen ankommt, für die es vor allem gemacht wird: Fast alle beschäftigen sich professionell mit der Bildung. Und wer das nicht tut, der ist als Elternteil eng mit der Bildung verbunden.

Hier sind die Ergebnisse im Einzelnen:

 

DÜSSELDORF. Alle drei Jahre – zuletzt Anfang Dezember – bekommen Deutschlands Schüler attestiert, dass ihre Leistungen aus internationaler Sicht mehr oder weniger mäßig sind. Die PISA-Studie, 2001 sorgte ihr erstmaliges Erscheinen für den bereits sprichwörtlichen „PISA-Schock“, nervt seitdem mit wenig erbaulichen Befunden zum deutschen Bildungssystem. Aber ist sie deshalb überflüssig, wie der renommierte Psychologe und Bildungsforscher Prof. Dr. Rainer Dollase unlängst in einem Gastkommentar auf News4teachers meinte? Hier kommt die Gegenrede: News4teachers-Herausgeber Andrej Priboschek erklärt, warum er PISA für unverzichtbar hält.

Hier geht es zum Gastkommentar von Prof. Dollase.

Wie genau muss der Blick auf Schule sein? Foto: Shutterstock

Gehen Sie hin und wieder mal zum Arzt, um sich durchchecken zu lassen? Ist sinnvoll, oder? Allerdings waren die letzten Untersuchungen doch eher unspaßig. Das Herumsitzen im Wartezimmer. Dann mussten Sie sich ausziehen, auch nicht schön. Gefunden hat er mal wieder nur das, was Sie ohnehin schon wussten. Übergewicht – Sie essen zu fett. Kurzatmigkeit – Sie rauchen. Muskelschwäche – Sie sitzen zu viel. Statt Ihnen dann aber einen präzisen Lebensplan aufzuschreiben, an den Sie sich Tag für Tag und Stunde für Stunde halten können, kamen lediglich die üblichen Ratschläge: gesünder essen, nicht mehr rauchen, mehr Sport treiben. Naja. Dann kann man den Arztbesuch auch sein lassen …

Als die erste PISA-Studie erschien, gab’s den mittlerweile sprichwörtlichen “PISA-Schock”

Sollte man den nächsten Untersuchungstermin wirklich canceln? Wenn’s nach Prof. Rainer Dollase geht: Klar. Denn neue Erkenntnisse sind von einer empirischen Untersuchung nicht zu erwarten. Er meint natürlich keine medizinische, sondern eine bildungswissenschaftliche – und zwar die größte der Welt: PISA. Seine Argumentation läuft aber auf das Gleiche hinaus: „PISA erlaubt keine eindeutigen kausalen Schlussfolgerungen darüber, was man tun muss, um besser zu werden.“ (Das tut eine medizinische Untersuchung auch nicht.) „Gerade wegen dieser kausalen Unsicherheit ist mit Ergebnissen mal so, mal so, mal besser, mal schlechter zu rechnen.“ (Ist beim Arzt auch so.) Weil ja ohnehin bekannt sei, woran es im deutschen Schulsystem hapert, hält er PISA für „nutzlos“.

Andrej Priboschek, Gründer und Leiter der Agentur für Bildungsjournalismus (hier auf der Bildungsmesse didacta in Köln). Foto: Anna Hückelheim

Um im Bild zu bleiben: Wäre ein regelmäßiger Gesundheitscheck auch dann noch nutzlos, wenn sich daraus eine Krebsdiagnose ergäbe? Die Antwort vorneweg: Natürlich nicht. Denn ein frühzeitiger Befund erhöht die Chance auf Heilung – das gilt für den Menschen, das gilt auch für ein Bildungssystem.

Erinnern wir uns doch mal: Als die erste PISA-Studie 2001 erschien, war ein Großteil der deutschen Öffentlichkeit tatsächlich davon überzeugt, dass die Bundesrepublik bei der Bildung Weltspitze sei. Deutschland, das Land der Dichter und Denker. Experten hatten damals schon so ihre Zweifel, denn dem PISA-Schock ging ein TIMSS-Schock voraus. Die erste repräsentative Vergleichsstudie in Mathematik und den Naturwissenschaften hatte 1997 ergeben, dass die deutschen Schüler allenfalls Mittelmaß sind. Und dann kam PISA.

Die problematischen Befunde von damals haben bis heute Bestand

Erstmals kamen die – bis heute weitgehend ungelösten – Probleme auf den Tisch: ein lediglich mäßiges Leistungsniveau insgesamt, eine relativ große Gruppe von abgehängten Schülern (rund 20 Prozent), eine Leistungsspitze, die im internationalen Vergleich weder breit noch spitze ist, ein international beispiellos enger Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildungserfolg, der den optimistischen Ansatz vom Aufstieg durch Bildung als Märchen entlarvt. Dass sich an diesen Befunden bis heute nichts Wesentliches geändert hat, ist ja nicht PISA anzulasten. Deshalb aus der Bildungsstudie auszusteigen hieße, den Boten der schlechten Nachricht zu erschlagen – am Realitätsgehalt der schlechten Nachricht würde das jedoch nichts ändern.

Und die gibt es aktuell mal wieder. Die aktuelle PISA-Studie zeigt auf, dass sich die Schülerleistungen binnen drei Jahren in allen drei getesteten Kategorien, also Leseverständnis, Mathematik und Naturwissenschaften, verschlechtert haben – auch dann übrigens, wenn man die Flüchtlingskinder unberücksichtigt lässt (News4teachers berichtete). Dieser Trend nach unten ist sogar schon seit 2016, der letzten Studie, festzustellen. Es liegt nahe zu vermuten, dass sich der Lehrermangel einerseits und steigende Aufgaben andererseits (die Inklusion zum Beispiel) auswirken. Und das soll kein wichtiger Befund sein?

Wie sähen wohl die Schulen aus, wenn es PISA nicht geben würde?

Nebenbei: Dollase moniert, dass PISA nur Durchschnittswerte abbildet, aber die Unterschiede zwischen den Bundesländern so groß seien, dass die Aussagekraft des Durchschnitts begrenzt sei. Da ist schon etwas dran. Aber woher stammt die Erkenntnis denn, dass die Leistungsspreizung von Bundesland zu Bundesland so groß ist? Genau, aus PISA, genauer: aus PISA-E, einer 2003 zuletzt erschienenen Ergänzungsstudie (die dann eingestellt wurde, weil die Kultusministerkonferenz die zum Teil erbärmlichen Länderergebnisse so genau dann doch nicht mehr wissen wollte).

Apropos Kultusminister: Wie sähen wohl die Schulen in Deutschland aus, wenn es PISA nicht geben würde – wenn also von Seiten der Politik am Bildungssystem gespart werden könnte, ohne dass die Folgen zumindest alle drei Jahre öffentlich sichtbar gemacht würden? Schon deshalb ist die Bildungsstudie unverzichtbar: Sie liefert Lehrerverbänden und all den anderen, denen an gut ausgestatteten Schulen liegt, immer wieder Munition, um im gesellschaftlichen Kampf um stets knappe staatliche Ressourcen bestehen zu können.

Was guter Unterricht ist, wissen wir heute – auch dank PISA

Interessant ist dann der inhaltliche Schwenk, den Dollase am Schluss seiner Ausführungen vollzieht – hin zu einem Plädoyer für „einen deutlich konservativeren Unterricht“. Woher er seine  „Impulse und Denkanstöße“ nimmt, verrät er in seinem Essay nicht. Dabei wissen wir ziemlich genau, was guten Unterricht ausmacht. Der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie extrahierte in seiner wegweisenden Meta-Studie „Visible Learning“ die Faktoren, die potenziell das schulische Lernen beeinflussen.

Etliche seiner Erkenntnisse mögen tatsächlich in die Kategorie „konservativerer Unterricht“ fallen – im Mittelpunkt steht der Lehrer. Der große Unterschied zum Unterricht von anno dazumal ist allerdings die Kernbotschaft: Lehrer sollen evidenzbasiert unterrichten. Heißt: Pädagogen sollen nach Belegen für die Wirksamkeit des eigenen Handelns suchen und ihre eigene Arbeit auf den Prüfstand stellen. Wie ist ihr Einfluss? Wie wirken sie? Kommt das, was sie den Schülerinnen und Schülern vermitteln wollen, bei ihnen an? Wie muss sich der Unterricht gegebenenfalls ändern? Das ist dann doch näher an der Output- und Kompetenzorientierung des Post-PISA-Zeitalters, als manche konservative Vertreter der Zunft wahrhaben wollen.

Abschließend die Frage: Woher nimmt Hattie denn seine Daten – er selbst erhebt ja keine? Die Antwort: Er hat empirische Untersuchungen mit Lernergebnissen von insgesamt mehr als 88 Millionen Schülern analysiert. Und die größte davon ist, klar, PISA.

 

DÜSSELDORF. In keinem anderen Bundesland ist der Lehrermangel an den Grundschulen so gravierend wie in Nordrhein-Westfalen. Kein Bundesland hat so viele leistungsschwache Schüler wie Nordrhein-Westfalen. Trotzdem päppelt die schwarz-gelbe Landesregierung vor allem die Gymnasien. Eine Analyse von News4teachers-Herausgeber Andrej Priboschek.

Probiert mal etwas Neues - aber nur im klitzekleinen Rahmen: die FDP-Schulministerin Yvonne Gebauer. Foto: Magubosc / Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)

Bekommt vom Finanzminister nicht das, was sie gerne hätte: Schulministerin Yvonne Gebauer. Foto: Magubosc / Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)

An den Grundschulen Nordrhein-Westfalens sollten nach dem Willen von Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) weitere 650 Sozialpädagogen zum Einsatz kommen, um Lehrer zu unterstützen – meldete die „Rheinische Post“ im Juni. Jetzt kam der Rückzieher: Finanzminister Lutz Lienenkämper (CDU) gebe die erforderlichen Millionen nicht frei, so berichtete das Blatt nun.

Das Hin und Her fügt sich ins Bild: Auch beim Thema A13 für Grundschullehrer gab es deutliche Signale der Schulministerin, dass es in absehbarer Zeit zu einer finanziellen Gleichstellung mit den Kollegen am Gymnasium kommen wird. Gebauer hatte bereits vor zwei Jahren angekündigt, dass „Ungerechtigkeiten in der Lehrerbesoldung“ in NRW beseitigt werden sollen. Die Landesregierung werde besoldungsrechtliche Konsequenzen aus der schon 2009 reformierten Lehrerausbildung ziehen. Seinerzeit wurde das Studium fürs Lehramt Grundschule zeitlich dem fürs Lehramt Gymnasium angeglichen. Insgesamt müsse dem Lehrerberuf größere Wertschätzung entgegengebracht werden, sagte die Ministerin noch im August 2017. Geld gehöre auch dazu. Sie sei darüber im Gespräch mit dem Finanzminister – „damit wir tatsächlich die Lehrerinnen und Lehrer, besonders in der Grundschule, in Zukunft besser bezahlen können“, so Gebauer.

Noch immer bekommen Grundschullehrer weniger Geld als Gymnasiallehrer

Bis heute aber ist in Sachen „A13 für alle“ in Nordrhein-Westfalen nichts geschehen. Als die Grünen vor einem halben Jahr nachhakten, wo denn die versprochenen „besoldungsrechtlichen Konsequenzen“ blieben, kam als Antwort aus dem Schulministerium: „Der Meinungsbildungsprozess innerhalb der Landesregierung ist noch nicht abgeschlossen.“ Daran hat sich bis heute nichts geändert.

„Der Frust der Lehrkräfte ist riesig”, sagt Stefan Behlau, Landeschef des VBE, mit Blick auf die Grundschulen in Nordrhein-Westfalen. Das hat nicht nur mit A13 zu tun: Tatsächlich fehlen in keinem anderen Bundesland so viele Grundschullehrer wie in Nordrhein-Westfalen, was die Kollegien – deren Arbeitsaufkommen ja nicht sinkt – deutlich zu spüren bekommen. Nur knapp 58 Prozent der im Sommer ausgeschriebenen 10.000 Lehrerstellen konnten zu Schuljahresbeginn besetzt werden, im Vorjahr waren es 62 Prozent. „Der Lehrermarkt ist leer gefegt“, sagte Gebauer. „Wir drehen jeden Stein um, damit offene Stellen besetzt werden können.“

Dazu kommen die ungelösten Probleme an den Grundschulen mit dem gemeinsamen Unterricht von Schülern mit und ohne Behinderung. Vergangenes Jahr stellte die Schulministerin „neue Eckpunkte zur schulischen Inklusion“ vor, die Qualitätsstandards und einen gehobenen Personalschlüssel festlegten. Nur: Die Grundschulen bleiben dabei praktisch außen vor.

„Alle Grundschulen arbeiten inklusiv, dennoch sind sie in der Neuausrichtung nicht berücksichtigt. Die Grundschulen zu stärken, würde die Qualität der schulischen Inklusion stärken”, meint VBE-Landeschef Behlau und betont: „Wir benötigen einen Blick auf das gesamte Schulsystem, nur einzelne Schulstufen scheinbar unabhängig voneinander zu betrachten oder sogar ganze Schulformen auf die eine oder andere Art und Weise aus der Gesamtstrategie herauszulassen, ist nicht zielführend.” Damit spricht er den im Inklusionskonzept verankerten Beschluss an, dass Gymnasien in Nordrhein-Westfalen keine Schüler mit Förderbedarf mehr ohne Gymnasialempfehlung unterrichten müssen.

Beim Bildungsmonitor landete NRW für seine Schulpolitik auf dem viertletzten Platz

Das Gymnasium scheint ohnehin die Lieblingsschulform der schwarz-gelben Landesregierung zu sein. Beim Umstieg von G8 auf G9 kostet allein der Ausbau der Klassenräume an den Gymnasien im Land mehr als eine halbe Milliarde Euro. Im Januar beschloss das Kabinett ohne viel Federlesens, diesen Betrag den Kommunen – die als Schulträger eigentlich für Baukosten aufkommen müssen – zu erstatten.

Nordrhein-Westfalen landete für seine Schulpolitik beim aktuellen „Bildungsmonitor“ – einem Bundesländervergleich, in den auch die Daten der großen Schülervergleichsstudien eingehen – auf dem viertletzten Platz. Besonders negativ fiel der extrem hohe, bundesweit beispiellose Anteil leistungsschwacher Schüler auf.  Agentur für Bildungsjournalismus

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

LINZ. Die größte Bildungsmesse der Welt, die deutsche “didacta”, hat einen neuen Ableger: die “didacta Digital Austria”. Die Alpenrepublik präsentiert sich – abseits der aktuellen politischen Wirren – als überaus empfänglich für Innovationen, die mithilfe der IT in die Schulen getragen werden. Ein Vorbild für Deutschland?

Mehr als 100 Aussteller präsentieren ihre Angebote auf der “didacta Digital” in Linz. Foto: didacta Digital Austria

Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz kam doch nicht. Auch Bildungsminister Heinz Faßmann hatte seine Teilnahme kurzfristig absagen müssen. Augenscheinlich nehmen die aktuellen Regierungswirren die Spitzenpolitiker der Alpenrepublik so sehr in Anspruch, dass ihnen keine Zeit für einen Messebesuch bleibt. Gleichwohl: Die ursprünglichen Zusagen von Kurz und Faßmann für Auftritte auf der „didacta Digital Austria“ in Linz lassen schon erkennen, wie hoch Österreich das Thema digitale Bildung hängt. Zum Vergleich: Seit Jahren macht die jeweils amtierende Bundesbildungsministerin einen großen Bogen um die didacta in Deutschland, zuletzt mit 100.000 Fachbesuchern – vor allem Erziehern und Lehrern – immerhin die größte Bildungsmesse der Welt.

“Chief Digital Officer” im Bildungsministerium

Jetzt gibt’s also einen auf das Thema Digitalisierung spezialisierten didacta-Ableger in Austria – nicht zuletzt deshalb, wie didacta-Hauptgeschäftsführer Reinhard Koslitz versicherte, weil sich die Politik so liebevoll um das Projekt gekümmert habe. Die war denn auch immer noch prominent vertreten: in Gestalt der Digitalisierungsministerin Margarete Schramböck sowie der „Chief Digital Officer“ (so der offizielle Titel im titelverliebten Österreich) aus dem Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung, Heidrun Strohmeyer. Auch hier lohnt ein Vergleich mit dem Nachbarn Deutschland: Der hat zwar nach langem Gewürge den Digitalpakt endlich auf die Gleise gebracht – einen eigens benannten Digitalbeauftragten, der die Konzepte der Bundesländer zur Digitalisierung der Schulen koordiniert, sucht man im Berliner Bundesbildungsministerium jedoch vergebens.

Tatsächlich hat Österreich Deutschland in Sachen Digitalisierung der Schulen längst abgehängt. Wie eine repräsentative Umfrage im vergangenen Jahr einem Bericht der „Presse“ zufolge ergab, sind 70 Prozent der Schüler, 68 Prozent der Lehrer und sogar 75 Prozent der Eltern mit der technischen Ausstattung in der Schulen „zufrieden“ oder sogar „sehr zufrieden“ – Werte, von denen deutsche Bildungspolitiker nur träumen können. Dabei hat die Alpenrepublik nicht mal überaus viel Geld in die Hand genommen, um ihre über 6.000 Schulen mit Informationstechnologie auszustatten. Wien ist vielmehr pragmatisch vorgegangen – und setzt vor allem auf schülereigene Geräte. So arbeiten im Unterricht nur zwölf Prozent der Schüler mit schuleigener Technik. Aber mehr als die Hälfte nimmt den eigenen Laptop in die Schule mit. Probleme bereitet das praktisch nicht (anders als in Deutschland befürchtet wird). Die allermeisten Familien übernehmen die Finanzierung klaglos.

“Digitale Grundbildung” ist ein neues Schulfach in Österreich: Besucher auf der didacta Digital. Foto: didacta Digital Austria

Darüber hinaus hat das Bildungsministerium beim Unterricht Nägel mit Köpfen gemacht – und das Fach „Digitale Grundbildung“ eingeführt mit jeweils zwei Wochenstunden in den Jahrgangsstufen 5 bis 8. Dafür gebe es einen eigenen Lehrplan, so Strohmeyer, der von der Medienbildung, über den sicheren Umgang mit dem Smartphone bis hin zum Programmieren alles vorsieht, was zu den sogenannten „21. Century Skills“ gehöre – und das auch noch kollaborativ, kommunikativ und kreativ. Kein Wunder also, dass sich für die insgesamt mehr als 100 Aussteller zahlreiche Anknüpfungspunkte zur schulischen Praxis bieten, um mit den Besuchern – vor allem Lehrern und Schulleitungen – ins Gespräch zu kommen.

Zwei deutsche Hochschulen – die Universität des Saarlandes und die Universität Osnabrück – präsentieren eine Ausstellung „Digitale Innovationen“, in der Prototypen für Lernsoftware ausprobiert werden können. Mittels VR-Brillen („virtual reality“ – virtuelle Realität) lässt sich die Grabkammer der ägyptischen Königin Nefertari erkunden oder in einer Rakete durch einen digital animierten Weltraum fliegen. Auch zahlreiche Newcomer sind vertreten. Auf der Start-up-Area von eduvation zeigen rund 20 junge Unternehmen ihre Angebote, von der Geschichtsapp „History Voices“ über das „robo wunderkind“ , mit dem sich spielerisch Programmieren lernen lässt, bis hin „brainyou“ fürs mobile Lernen zwischendurch und zur Kommunikationsplatform „Sdui“ für Lehrer, Eltern und Schülern, die aus einem Jugend-forscht-Projekt erwachsen ist. Als Partner von eduvation ist die Agentur für Bildungsjournalismus, Herausgeber von News4teachers, ebenfalls auf der Start-up-Area vertreten.

Paradiesische Bedingungen also fürs digitale Lernen in Österreich? Noch nicht ganz. Die Bereitschaft der Lehrer, sich auf die neuen Lernmedien einzulassen, ist zwar nach eigenem Bekunden groß. So gaben bei der Umfrage 87 Prozent der Lehrer an, sich zu bemühen, diese in ihrem Unterricht einzusetzen. Allerdings sehen das viele Schüler noch anders: Nur 45 Prozent von ihnen können die Bemühungen ihrer Lehrer auch erkennen. Ebenfalls beklagen Österreichs Lehrer, dass ihnen digitale Grundfertigkeiten kaum vermittelt werden. Drei von vier Pädagogen fühlen sich durch Aus- und Weiterbildung eher schlecht auf die Digitalisierung vorbereitet. Das erinnert dann doch wieder an Deutschland. Andrej Priboschek / Agentur für Bildungsjournalismus

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

Die Agentur für Bildungsjournalismus erreicht mit ihren Medien monatlich mehrere Hunderttausend Leserinnen und Leser aus dem Bildungsbereich. Keine andere Kommunikationsagentur um deutschsprachigen Raum kennt die Branche so gut wie wir. Sie möchten Zielgruppen in der Bildung ansprechen? Wir erreichen sie für Sie! Sprechen Sie uns an – gerne auch in der kommenden Woche vom 23. bis zum 25. Mai 2019 auf der didacta Digital Austria im österreichischen Linz.

Andrej Priboschek, Gründer und Leiter der Agentur für Bildungsjournalismus, auf der didacta in Köln. Foto: Anna Hückelheim

Was präsentieren wir auf der didacta Digital?

Die Agentur für Bildungsjournalismus ist mit ihren Redakteurinnen und Redakteuren auf der didacta präsent – mit einem eigenen Auftritt inmitten von Dutzenden Start-ups, die auf dem Gemeinschaftsstand von EDUvation (der Start-up Area E08) zeigen, wie Innovationen in der Bildung aussehen. Die Agentur für Bildungsjournalismus berät als Partner von EDUvation die Jungunternehmer in Sachen PR und Öffentlichkeitsarbeit. Und wir beraten selbstverständlich auch Sie! Besuchen Sie uns auf dem spannenden Gemeinschaftsstand!

Warum sollten Sie unseren Stand besuchen?

Erleben Sie live, wie Deutschlands reichweitenstärkste Nachrichenseite in der Bildung – News4teachers – entsteht! Diskutieren Sie mit dem Leiter und Gründer der Agentur für Bildungsjournalismus, Andrej Priboschek, relevante Bildungsthemen! Gehören Sie einer Schulleitung oder einer Kitaleitung an, vertreten Sie eine Stiftung oder eine andere gemeinnützige Organisation, sind Sie in der Wissenschaft engagiert oder möchten Sie wirtschaftlich erfolgreich in der Bildungsbranche sein? Holen Sie sich Tipps, wie sich mit Ihren Botschaften eine breite Öffentlichkeit oder ein Fachpublikum erreichen lässt!

Wir freuen uns auf Sie!

Agentur für Bildungsjournalismus
c/o Start-up Area E08 / EDUvation
didacta digital Austria Linz

www.agentur-für-bildungsjournalismus.de

andrej.priboschek@bildungsjournalist.de

Ein Kommentar von Andrej Priboschek, Leiter der Agentur für Bildungsjournalismus – aktuell auf didacta-digital.de

Der Digitalpakt ist, wissenschaftlich ausgedrückt, eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für einen zukunftsgewandten digitalen Unterricht. Ohne IT, klar, läuft nichts. Der Technikeinsatz allein verbessert aber auch noch nichts.

Wer unter Digitalisierung versteht, die alten Schulbücher im PDF-Format auf den Bildschirm zu werfen – und ansonsten das Lehren und Lernen so belässt, wie wir es seit Jahrzehnten kennen –, der hat den grundlegenden Kulturwandel nicht verstanden, der mit der Digitalisierung einhergeht und der die Schulen längst erfasst hat, ob sie es wollen oder nicht.

Hier geht es zum vollständigen Kommentar.

Die Agentur für Bildungsjournalismus erreicht mit ihren Medien monatlich mehrere Hunderttausend Leserinnen und Leser aus dem Bildungsbereich. Keine andere Kommunikationsagentur in Deutschland kennt die Branche so gut wie wir. Sie möchten Zielgruppen in der Bildung ansprechen? Wir erreichen sie für Sie! Sprechen Sie uns an – gerne auch auf der didacta!

Auf der didacta in Köln werden wieder mehr als 100.000 Besucherinnen und Besucher erwartet. Foto: Koelnmesse

Was präsentieren wir auf der didacta?

Die Agentur für Bildungsjournalismus ist mit ihren Redakteurinnen und Redakteuren auf der didacta präsent – mit einem eigenen Auftritt inmitten von Dutzenden Start-ups, die auf dem Gemeinschaftsstand von EDUvation zeigen, wie Innovationen in der Bildung aussehen. Die Agentur für Bildungsjournalismus berät als Partner von EDUvation die Jungunternehmer in Sachen PR und Öffentlichkeitsarbeit. Und wir beraten selbstverständlich auch Sie! Besuchen Sie uns auf dem spannenden Gemeinschaftsstand B60 in Halle 7!

Warum sollten Sie unseren Stand besuchen?

Erleben Sie live, wie Deutschlands reichweitenstärkste Nachrichenseite in der Bildung – News4teachers – entsteht! Diskutieren Sie mit dem Leiter und Gründer der Agentur für Bildungsjournalismus, Andrej Priboschek, relevante Bildungsthemen! Gehören Sie einer Schulleitung oder einer Kitaleitung an, vertreten Sie eine Stiftung oder eine andere gemeinnützige Organisation, sind Sie in der Wissenschaft engagiert oder möchten Sie wirtschaftlich erfolgreich in der Bildungsbranche sein? Holen Sie sich Tipps, wie sich mit Ihren Botschaften eine breite Öffentlichkeit oder ein Fachpublikum erreichen lässt!

Agentur für Bildungsjournalismus
c/o EDUvation
Halle 7, Stand B 60

Wir freuen uns auf Sie!

www.agentur-für-bildungsjournalismus.de

Von Andrej Priboschek

Immer noch herrscht die Vorstellung vom Schulsystem als Maschine vor, in die man möglichst viel hineinstopfen muss, um viel herauszubekommen. Das funktioniert aber nicht. Schon gar nicht bei der Digitalen Bildung.

Der Gründer und Leiter der Agentur für Bildungsjournalismus, Andrej Priboschek. Foto: Tina Umlauf

 

Unsere Kinder und Jugendlichen kommen in der Schule kaum mit Digitaler Bildung in Kontakt – ein unbestreitbar dramatischer Befund für ein Land, dessen wichtigste Ressource die Innovationsfähigkeit seiner Wirtschaft ist. Die Sorge um die Qualifikation des Berufsnachwuchses, die die Gesellschaft PR-Agenturen  (GPRA) umtreibt, ist also verständlich. Ihr Impulspapier baut auf ein „Curriculum für Digitale Bildung“. Es listet auf, an welchen Inhalten es in den Schulen hapert: Danach fehlt es an Anwendungs-Know-how, wozu Kenntnisse zum Datenschutz gehören. Technisches Grundverständnis müsse im Unterricht vermittelt werden – ebenso wie Medienkompetenz, die notwendig ist, um Fake-News von Fakten zu unterscheiden. Auch Programmieren und das Lösen technischer Probleme sollen die Kinder und Jugendlichen in der Schule lernen.

Das alles sind wünschenswerte Kompetenzen, keine Frage. Trotzdem führt ein solches Curriculum bildungspolitisch auf den Holzweg.  Und zwar gleich aus mehreren Gründen. Fangen wir mal bei den Lehrern an: Es vergeht kaum ein Tag, in dem nicht irgendwer von ihnen zusätzliches Engagement für ein wichtiges gesellschaftliches Thema fordert.

Ob Bildungsungerechtigkeit und, damit verbunden, sozialer Ausgleich, Integration von Flüchtlingskindern, Inklusion,  mangelndes Demokratiebewusstsein, sexueller Missbrauch, Islamismus-Prävention, Ernährungsmängel, Bewegungsdefizite, Jungenförderung, Mädchenförderung, Unkenntnis von Schülern in ökonomischen Fragen, falsches Zähneputzen – jedes gesellschaftliche Problem in Deutschland sollen die Schulen lösen. Und zwar plötzlich und nebenbei, also ohne dass den Lehrern mitgeteilt würde, woher zusätzliche Mittel für die zusätzlichen Aufgaben kommen. Kein Wunder, dass die Digitale Bildung bei den Pädagogen, deren Berufsalltag keineswegs durch Beschaulichkeit  besticht,  weit hinten rangiert: Es wird von vielen als weitere Zumutung wahrgenommen. Ohne das Engagement der Lehrkräfte kann es aber keine echte Digitalisierung der Schulen geben.

Auch der Tag von Schülern hat nur 24 Stunden. Wer Kinder hat (ich habe drei), der weiß, dass heute schon Drittklässler mit Unterricht, Hausaufgaben und Übungszeiten locker auf eine 40-Stunden-Woche kommen. Um von Kindern und Jugendlichen am Gymnasium gar nicht erst zu reden.

Das bedeutet konkret: Wer ernsthaft möchte, dass sich die Schule neuen Inhalten widmet, der muss auch sagen, was dafür an Stoff entfallen soll. Wie schwierig es aber ist, von tradierten Bildungsvorstellungen zu lassen, zeigt die hysterische  Debatte in Deutschland um die Rechtschreibung. Oder wie verbissen hierzulande am Hauptfach Latein festgehalten wird – wer hat den Mut, dessen Abschaffung zugunsten eines Fachs Programmieren zu fordern? Die GPRA leider nicht.

Immer noch herrscht die Vorstellung vom Schulsystem als einer Art Maschine vor, in die man möglichst viel hineinstopfen muss, um viel herauszubekommen. Das funktioniert aber nicht. Womit wir beim wichtigsten Einwand wären, den ich gegen das geforderte Curriculum vorzubringen habe: sein zugrundeliegendes Bildungsverständnis.

Ich war neulich auf dem Deutschen IT-Leiter-Kongress in Düsseldorf und habe dort einen Vortrag des New-Economy-Experten Tom Oliver gehört. Der Wirtschaftswissenschaftler, der Muschelkette und goldene Turnschuhe zum Anzug kombiniert, hat nach eigenen Angaben bereits Konzerne wie Google und SAP sowie Institutionen wie die Weltbank, das EU-Parlament und die Vereinten Nationen beraten. Was ihm im Silicon Valley aufgefallen ist, verriet er den versammelten IT-Experten: Flache Hierarchien – jeder Chef sei von jedem Mitarbeiter ansprechbar. Teamwork rund um die Uhr – niemand sei als Einzelkämpfer unterwegs. Eine ausgeprägte Fehlertoleranz – Scheitern werde als notwendiger Teil letztlich erfolgreicher Prozesse angesehen. Und: Kreativität als Erfolgsmotor – für spielerische Herangehensweisen würden Freiräume geschaffen.

Das ist so ziemlich genau das Gegenteil davon, wie staatliche Schulen in Deutschland unterrichten. Um nur mal einen Punkt zu beleuchten: In der digitalen Welt geht reines Reproduzieren auf Maschinen über – was bleibt, das ist die eigenständige Idee. Das muss jungen Menschen aber vermittelt werden. Schwierig in einem Schulbetrieb, der aufs Reproduzieren von Wissen setzt. Um Kreativität zu fördern, wäre mehr Freiheit nötig. Kinder und Jugendliche brauchen Zeit, um Theater zu spielen, zu musizieren,  zu diskutieren, sich künstlerisch zu betätigen, Probleme eigenständig angehen und Lösungen kreativ finden zu können. Digitale Kompetenzen? Die erwachsen dann nebenbei, denn es sind ja vor allem digitale Medien, die schier unendliche kreative Möglichkeiten bieten.

Eine Branche wie die PR, die von Kommunikation und guten Ideen lebt, braucht einen sprachlich gewandten und kreativen Berufsnachwuchs. Den bekommen wir aber nur, wenn wir die Lehrer endlich von dem Übermaß an starren Inhalten befreien, wenn wir die Schulen gut ausstatten und sie dann einfach mal in Ruhe arbeiten lassen  – und ihnen nicht noch weitere Vorgaben in Form von zusätzlichen Curricula aufdrücken.

Der Beitrag erschien zunächst im PR-Journal – und zwar hier.

 

Von Andrej Priboschek

Keine Frage: Die Inklusion in der Schule ist ein Reizthema. In die – berechtigten – Debatten um unzureichende Bedingungen oder die konkrete Ausgestaltung mischen sich in jüngster Zeit allerdings immer öfter Forderungen, die Inklusion (wie G8) komplett zurückzudrehen. Mal abgesehen davon, dass sich Deutschland zur Inklusion international verpflichtet hat (anders als zu G8): Der gemeinsame Unterricht ist eine großartige Errungenschaft. Daran sei anlässlich des Tags der Menschen mit Behinderungen am 3. Dezember erinnert.

Die Inklusion bringt behinderte und nicht-behinderte Kinder zusammen. Foto: Shutterstock

Dass eine Schulleiterin ihre oberste Dienstherrin – in diesem Fall: die Bremer Bildungssenatorin Claudia Bogedan, SPD – verklagt, war bundesweit ein Novum. Der Gegenstand des Streits in dieser Form auch: Die Direktorin zog vor Gericht, weil sie von der Bildungsverwaltung angewiesen wurde, Kinder mit Förderstatus aufzunehmen. Das Gymnasium wollte also richterlich klären lassen, ob es zur Inklusion verpflichtet ist – einem Staatsziel, zu dem sich die Bundesrepublik Deutschland seit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention 2009 bekennt. Zu einem echten Grundsatzurteil kam es nicht. Das Verwaltungsgericht Bremen wies die Klage vordergründig aus dem formalen Grund zurück, dass eine Beamtin in dieser Causa schlicht nicht klagebefugt sei. Gleichwohl machten die Richter unmissverständlich klar, welchen Stellenwert die Inklusion in Deutschland rechtlich hat.

Die Einführung der inklusiven Beschulung an allen Schulen entspreche einem klaren gesetzgeberischen Auftrag, so führten die Richter aus. Und den habe auch das Bremer Gymnasium zu erfüllen. Entgegen der Ansicht der Klägerin werde durch die Beschulung von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf weder eine „Schule für alle“ geschaffen, noch der gymnasiale Bildungsgang in seiner grundlegenden Konzeption verändert. Schlechtere Bildungschancen der Regelschüler seien durch die Inklusion nicht zu befürchten. Die Inklusionsschüler könnten durchaus „auf einem ihren jeweiligen Möglichkeiten entsprechenden Anforderungsniveau unterrichtet und gefördert“ werden. Fazit des Gerichts: „Schließlich erscheint es nicht fernliegend, sich den Herausforderungen der zieldifferenten inklusiven Beschulung (…) auch an Gymnasien zu stellen.“

Die Antwort der Richter ist eindeutig

Das Urteil vom 9. Juli sorgte unter vielen Lehrern für Empörung, waren die Richter doch scheinbar recht salopp über die unzureichenden Bedingungen hinweggegangen, unter denen schulische Inklusion in der Praxis allzu oft stattfindet. Bei dem Ärger über die richterliche Ansage wurde allerdings übersehen, dass es sich dabei um eine rein juristische Argumentation handelt – und nicht um die zweifellos zentrale praktische Frage, welche Ressourcen nötig sind, um die Inklusion erfolgreich gestalten zu können (und ob es diese vor Ort gibt). Aber die hatte die Schulleiterin ja auch nicht vorgebracht. Ihr ging es um das Prinzip, ob auch das Gymnasium zur Inklusion verpflichtet werden kann. Die Antwort der Richter ist eindeutig: Ja.

Der beispiellose Streit vor Gericht und die Reaktionen darauf machen anschaulich, dass es beim gemeinsamen Unterricht von behinderten und nicht-behinderten Kindern und Jugendlichen in Deutschland an weitaus mehr hapert als an einer ausreichenden Zahl von Lehrerstellen. Es fehlt an Verständnis. Allzu vielen Menschen hierzulande ist nicht klar, welche Bedeutung die Inklusion für die Schulen, für unsere gesamte Gesellschaft hat.

Das beginnt mit einer verklärenden Sicht auf die Vergangenheit: Das frühere Förderschulsystem mit gesonderten Gebäuden und überdurchschnittlich viel Personal sei doch gut gewesen, so ist immer wieder zu hören. Nein, das war es nicht! Hundertausende von Kindern und Jugendlichen wurden im Lauf der Jahrzehnte mit dem Förderschulstatus abgestempelt. Auch die, die objektiv zu Unrecht als „lernbehindert“ aussortiert wurden, bekamen aufgrund jahrelanger Unterforderung im isolierten Umfeld faktisch keine Chance mehr auf einen regulären Schulabschluss. Die damalige Rückschulungsquote ins Regelsystem nahe null belegt das. Der vermeintliche Schonraum wurde zur Falle.

Allein die Tatsache, dass die Exklusionsquote zwischen den Bundesländern erheblich variierte (im Schuljahr 2013/14 mit 1,9 Prozent in Bremen und 6,9 Prozent in Mecklenburg-Vorpommern um mehr als das Dreifache) zeigt, wie willkürlich Kinder dabei ausgesondert wurden. Ein anschauliches Beispiel, wie das geschehen konnte, lieferte der Prozess um den ehemaligen Förderschüler Nenad, der das Land Nordrhein-Westfalen aufgrund seiner zerstörten Bildungskarriere verklagte – und Recht bekam (News4teachers berichtete).

Zweiter Punkt: Die Schule ist praktisch der einzige Ort, an dem alle Kinder zusammenkommen – hier (und nur hier) kann soziales Lernen in einer größeren Gemeinschaft stattfinden. Schon die Vorstellung, dass Schüler homogene Lerngruppen brauchen, um sich erfolgreich Wissen und Fachkompetenzen aneignen zu können, ist falsch, wie die Arbeit der Grundschulen in Deutschland tagtäglich belegt.

Das Dogma der möglichst großen Homogenität der Klassen wird in Bezug auf das soziale Lernen geradezu absurd. Wie sollen Kinder lernen, mit unterschiedlichen Bedürfnissen, Voraussetzungen, Interessen und Perspektiven umzugehen, wie sollen sie lernen, sich in eine Gemeinschaft unterschiedlicher Individuen einzufügen, wie sollen sie lernen, für sich und andere, auch Schwächere, Verantwortung zu übernehmen – wenn sie nur von Gleichen umgeben sind? Hier bietet die Inklusion die Chance zur Begegnung auf Augenhöhe.

Wie wichtig diese Begegnungen für Kinder sind, sagen sie selbst. Die große Mehrheit (94 Prozent) fände es „gut“ oder „normal“, wenn Kinder mit Behinderung überall dabei wären – also auch in der Schule, wie eine aktuelle Umfrage der Aktion Mensch unter Schülerinnen und Schülern ergab. Fast zwei Drittel der befragten Mädchen und Jungen sehen Inklusion als Möglichkeit, dass sich Kinder mit und ohne Behinderung gegenseitig helfen könnten. Dass überhaupt Begegnungen stattfinden, dafür sorgt vor allem der gemeinsame Unterricht: Treffen zwischen Kindern mit und ohne Behinderung kommen überwiegend in der Schule zustande (77 Prozent) und nur selten in der Freizeit (18 Prozent), wie die Kinder berichten.

Heißt: Die Inklusion ist nichts Geringeres als eine Grundlage für eine soziale Gesellschaft, in der Kinder für mehr als ihren Eigennutz erzogen werden. Sie ist ein Menschenrecht, reicht in ihrer Wirkung aber weit über die Belange des oder der einzelnen Betroffenen hinaus. Das sollte am Tag der Menschen mit Behinderungen mal wieder deutlich gemacht werden. Auf dieser Grundlage lässt sich dann auch sinnvoll über die konkrete Ausgestaltung der Inklusion streiten – ob Förderschulen als freiwilliges Angebot erhalten werden sollten zum Beispiel, ob geistig Behinderte wirklich gut an einem Gymnasium aufgehoben sind, oder eben wie die Bedingungen aussehen müssen, um an Regelschulen erfolgreich inklusive Klassen unterrichten zu können. Es geht nicht um das Ob. Es geht ums Wie.

Von Andrej Priboschek

Der Digitalpakt für die Schulen in Deutschland schien gestern noch vom Bundestag in trockene Tücher gebracht worden zu sein. Heute ist klar: Das Projekt steht vor dem Aus, vorerst jedenfalls. Immer mehr Bundesländer weigern sich, die vorgelegte Grundgesetzänderung im Bundesrat abzusegnen. Das ist ein Debakel für Bundesbildungsministerin Anja Karliczek.

Vergeblicher Einsatz: Bundesbildungsministerin Anja Karliczek auf der re:publica in Berlin, einer der wichtigsten Konferenzen zu den Themen der digitalen Gesellschaft. Foto: Jan Zappner/re:publica / flickr (CC BY-SA 2.0)

Die Woche endet schlecht für Anja Karliczek – und für die Schulen in Deutschland. Die Bundesbildungsministerin steht vor einem Scherbenhaufen namens Digitalpakt: Immer mehr Bundesländer melden Widerstand gegen die vom Bundestag beschlossene Grundgesetzänderung an, die der Bundesrat aber noch absegnen muss.

Nachdem zunächst Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann prinzipielle Bedenken gegen ein Engagement des Bundes in die Schulpolitik der Länder kundtat, stören sich nun eine ganze Reihe von Landesregierungen am Kleingedruckten. Das wiederum nimmt jetzt der bayerische Ministerpräsident Markus Söder zum Anlass, ebenfalls grundsätzlich zu werden – und seine Ablehnung anzukündigen. Heißt: Der Digitalpakt wird nicht, wie geplant, zum 1. Januar kommen. Ob er kommt – und wann –, das steht mal wieder in den Sternen.

Man traut angesichts solcher Nachrichten seinen Ohren kaum und fragt sich: Reden die eigentlich nicht miteinander? Die Christdemokratin Karliczek ist (neben Bundesfinanzminister Olaf Scholz, SPD) federführende Ministerin für den Digitalpakt. Auf SPD-Seite herrscht Ruhe. Scholz hat offenbar seine Hausaufgaben gemacht und die Genossen auf Linie gebracht – außer dem Grünen Kretschmann sind es nun vor allem die Länderfürsten der Union, die das Vorgehen der Bundesregierung zurückweisen. Das ist eine Klatsche für die Parteifreundin.

Tatsächlich hat sich offenbar eine Formulierung in die Grundgesetzänderung eingeschlichen, die vorher nicht mit den Ministerpräsidenten besprochen worden war. Die betrifft nichts Geringeres als die Finanzen. Sinngemäß steht jetzt zur Abstimmung, dass Bund und Länder bei Bildungsinvestitionen des Bundes künftig jeweils die Hälfte der Kosten tragen sollen. Der Digitalpakt wird zwar ausdrücklich davon ausgenommen. Das aber nährt umso mehr den Verdacht, dass es sich bei dem Fünf-Milliarden-Euro-Paket um ein Trojanisches Pferd handelt und die Bundesländer mit einem „Ja“ künftig in der Schulpolitik unter die Kuratel aus Berlin geraten. Der Bund bestimmt und die Länder sollen (mit-)bezahlen? Nein danke, so heißt es mittlerweile auch in Hessen, Schleswig-Holstein und Thüringen.

Unabhängig von der Auseinandersetzung um die Sachfrage ist es schlicht politisches Handwerk, das hier nicht klappt – und den Digitalpakt mittlerweile zum BER der Bildungspolitik macht, zur schier endlosen Baustelle. Eine Abfolge von Pleiten, Pech und Pannen begleitet das Projekt von Anfang an.

“Großer Sprung nach vorn”

Vor mittlerweile zwei Jahren trat Karliczeks Amtsvorgängerin Johanna Wanka vor die Presse – und kündigte vollmundig eine Digitaloffensive mit den Ländern an. „Wir müssen bei der digitaler Bildung einen großen Sprung nach vorn machen“, erklärte sie seinerzeit und stellte fünf Milliarden Euro in Aussicht, die der Bund in jährlichen Tranchen bis 2021 ausschütten wolle. Voraussetzung: Die Länder entwickeln ein Konzept dafür. Sie gehe davon aus, das Geld des Bundes absichern zu können. Sogar einen hübsch-kryptischen Namen hatte sich die PR-Abteilung des Bundesbildungsministerium bereits ausgedacht: „DigitalPakt#D“.

Das Konzept der Länder lag dann schon im darauffolgenden Juni vor. Irritierend allerdings schon zu diesem Zeitpunkt: Für die entscheidende KMK-Sitzung hatten angeblich weder Wanka noch einer ihrer Staatssekretäre Zeit – hinterher ließ man knapp verlauten, dass ein Konzept ohne Beteiligung des Bundes noch nicht als „Ergebnis“ gesehen werden könne. Auch dass keinerlei entsprechende Ausgabenposten in der Haushaltsplanung des Bundes zu finden war, weckte den Argwohn nicht nur von sozialdemokratischen Kultusministern.

Und dann? Hieß es beim Bundesbildungsministerium plötzlich: Das Geld könne erst in möglichen Koalitionsverhandlungen nach der Bundestagswahl „eingeworben“ werden. Im Klartext: Es gab keinerlei Verbindlichkeiten, keinerlei konkrete Planungen, kein Geld. Wankas „DigitalPakt#D“ entpuppte sich als heiße Luft.

Dann kamen die Bundestagswahl, die schier endlosen Koalitionsverhandlungen, mit Karliczek eine neue Bundesbildungsministerin und plötzlich eine Grundgesetzänderung als Vorbedingung, von der vorher nie die Rede gewesen war. Immerhin: aus dem „DigitalPakt#D“ war dem Namen nach ein aussprechbarer „Digitalpakt” geworden. Dass FDP und Grüne für die erforderliche Zwei-Drittel-Mehrheit im Bundestag gewonnen werden konnten, durfte sich Karliczek durchaus noch als Kurzzeit-Erfolg ans Revers heften. Der hatte leider gerade mal 24 Stunden Bestand. Jetzt muss man konstatieren: Der Digitalpakt wird zum Debakel.